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Der Pöpel im Allgemeinen, dä Gsüble Büöbl im Besonderen

Heimatsagen, umgangssprachliche und mundartliche Ausdrücke, Flur- und Ortsnamen

Der Pöpel (Böbl, Büöbl, Büebl, Bübl, Biibl…) ist als Sagengestalt in Franken – besonders in Oberfranken – weit verbreitet. Das Wort in der Bedeutung Schreckmann, Schreckbild, Geist, Kobold hat seine Wurzeln wohl im slawischen bzw. tschechischen Bubak. Daraus entwickelten sich in der Umgangssprache des fränkisch-mitteldeutschen Raums auch Formen wie Popel, Bubba oder Poppa (vgl. auch das Lehnwort Popanz für Schreckgestalt). „Dä Bobba und dä Büöbl“ ist auch auf dem Haßlacherberg als Anfang eines alten mundartlichen Kinderreims bekannt. Nicht mehr jedes Kind weiß wohl, dass mit einem Graudsbüöbl eine Vogelscheuche gemeint ist.

Blick in lokale Mundart-Wörterbücher
Im „Heinersdorfer Idiotikon“ von Harry Karl (Kiel/Kronach 1988) ist das Wort in der Schreibweise Püäbel aufgeführt mit folgenden Bedeutungen:
1. Verhärteter menschlicher Nasenschleim
2. Blütenrest am Apfel
3. Fousanoachtspüäbel
4. Gespenst [entspricht wohl in etwa der eingangs beschriebenen Gestalt]
5. Vogelscheuche
6. Schimpfwort (bezogen auf 3.).
Im „fränkischen Mundart-Wörterbuch für den Landkreis Kronach“ (Kronach 1997) finden sich die beiden Wortvarianten Büebl und Büöbl. Das Autorenteam um Hans-Jürgen Feulner hat ihnen drei Bedeutungen zugeordnet:
1. Garstiger Mensch
2. Vogelscheuche, Gespenst, Geist (Bobba)
3. Getrocknetes Produkt der Nase (Bobbl).

Die Heimatsagen vom Gsüble Büöbl
Ein ganz spezieller Büöbl in der eingangs dargelegten Wortbedeutung ist der Gießübler (Gsüble) Büöbl, der zumindest für die Gehülzer wohl bekannteste Vertreter dieser Wesensart. Einen besonderen Stellenwert hatte diese populäre Sagengestalt für Georg Hertel, der sie nicht nur ein Dorfschullehrerleben lang lebendig, sondern auch vor den Augen der Nachwelt gegenwärtig hielt. Der Gsüble Büöbl war der Hausgeist der Gehülzer Einöde Gießübel, der laut Hertel den Bewohnern hilfreich zur Seite stand, unliebsame Besucher aber verscheuchte oder narrte und neckte.
In der „Bayerischen Ostmark“ schrieb Georg Hertel 1936: „Abseits vom Verkehr, auch abseits von der Gemeinde Gehülz auf einem Verbindungsmassiv des Haßlachhöhenzuges, zwischen den beiden Gemeinden Gehülz und Seelach liegt die Einöde Gießübel. Etwas unterhalb des höchsten Punktes hat sich der Bauernhof breit gemacht […] Der Berg nährt nicht bloß den Bauernhof, sondern auch eine kleine Quelle, die Lebensader des Bauernhofes. […] Die Einsamkeit ist das Kennzeichen des Bauernhofes. Abgeschlossenheit und Weltfernheit breiten sich um ihn aus. […] Im Laufe der Zeit hängten sich an diese Einöde Geisterspuk und Geisterglauben und verknüpften sich auch mit den dortigen Bewohnern. […]“
Mindestens acht Sagen vom Gsüble Büöbl, die sich mehr oder weniger ähneln, sind aus der Feder von Georg Hertel überliefert. Was davon seiner persönlichen Fantasie entsprang und was die Einheimischen eventuell bereits „vor Hertel“ von diesem Büöbl zu erzählen hatten, ist nicht mehr nachvollziehbar. Jedoch dürfte auch in diesem Fall gelten, was Thomas Schwämmlein 2003 im Freien Wort Sonneberg feststellte: „Vielfach haben die die Sagen aufzeichnenden Lehrer und Pfarrer aus den meist kurzen Sagenstoffen ausführliche Sagen-Geschichten gemacht, haben die Sagen so ‚zurechtgedichtet’, wie wir sie heute kennen.“ Beim Gehülzer Schulhausbau 1964/65 wurden auf Initiative von Schulleiter Georg Hertel die Heimatsagen als Enkaustik-Malerei im Treppenhaus verewigt.

Gießübel: „Anhöhe, von der Wasser herabgießt“
Wie in Band III/1993 der Schriftenreihe des Heimatpflege-Vereins Gehülz/Seelach/Ziegelerden nachzulesen ist, lag die sagenumwobene Einöde Gießübel (Gsübl) etwa 150 Meter nordöstlich der Quelle des Seelabachs. Auf einer Karte von 1579 ist die redwitzische Wustung südwestlich des Heiligenholzes mit einer großen landwirtschaftlichen Nutzfläche eingezeichnet. In einem Theisenorter Lehenbuch von 1671 ist das Anwesen als „ein frohnfreyes Gütlein der Gießübel genanndt“ eingetragen. Inhaber war Michael Lencker, der 1675 als „Schultheiß zu Ensmansdorff“ (Entmannsdorf) 71-jährig starb und in Schmölz begraben wurde. Nachdem das zuletzt baufällige Wohngebäude 1974/75 abgebrochen worden war, erhielt das südlich davon gelegene Neubaugebiet 1981 den Straßennamen Giessübel.
Nicht unerwähnt soll an dieser Stelle bleiben, dass die Deutung des Namens Gießübel breiten Raum in der einschlägigen Fachliteratur einnimmt. So nahmen in der „Zeitschrift für Namenforschung“ 18/1942 mehrere Autoren „zum Gissübel-Problem“ Stellung, wobei Joseph Schnetz einen Gissübel in Ableitung vom althochdeutschen Gizzubli als einen „Ort, wo Wasser rinnt“ umschrieb. Laut Eduard Wallner („Die Flurnamen Bayerns“ IX-II/1940) erregte das „sonderbare Wortgebilde“ Gissübel Beachtung, Anstoß oder Widerspruch, seit Johann Christoph von Schmid († 1827) den Namen Gieshübel, Güßübel als Erster aufgriff. Wallner listete 176 Orts- und Flurnamen Gissübel auf, unter Franken auch die „Einöde b. Kronach“. Dabei wurde auch vermerkt: „[…] an den Talhängen Wasserrinnen, die bei starkem Regen das Wasser zum Seelabach leiten“.
Im Nahbereich der abgegangenen Gehülzer Einöde Gießübel findet sich in der 1935 von Rudolf Bauer erstellten Flurnamensammlung der Gemeinde Seelach – und zwar eingeordnet unter Dennach – „der Gysübel“. In der Gesamtschau ist deshalb mitunter vom Gehülz/Seelacher Gießübel die Rede, den man namenskundlich wohl am treffendsten umschreibt als eine in den Gemarkungen Gehülz und Seelach liegende „Anhöhe, von der Wasser herabgießt“.
Stoffsammlung zum Flur- und Ortsnamen Gießübel: http://www.altmuehlnet.de/hp/vvv/flurnamen/geisenfeld/giessuebel.htm

Annera Büöbl, a usiche Moa und dä Boggsgroum
Der Gsüble ist bzw. war nicht der einzige Büöbl in der Haßlacherberg-Heimat und ihrem nahen Umfeld. So erzählte u. a. Andreas Bauer vom Kronacher Schießhaus-Büöbl (bzw. -Büebl), der bei der Schießbahn und „hindn oan Sejlaboach“ (Seelabach) sein Unwesen trieb. Nach Georg Hertel hatte auch der Waldteil „Altes Schloss“ (Gemarkung Knellendorf) seinen Büöbl (Schlossgeist). Georg Fehn erwähnte einen Büöbl, der sich nahe dem Flurkreuz „beim Kreuzwege vor Ziegelerden“ gezeigt haben soll und vielleicht identisch ist mit dem Büöbl vom Poppenhof. Kurz erwähnt seien z. B. noch der Läringhuofbüöbl (Schmölz-Lerchenhof) und der Büöbl (Püöwl) an der Stressener Brücke, den der Pfarrer und der Kaplan von Kronach als eine stadtbekannte Holzfrevlerin enttarnten. Dass hinter einer vermeintlichen Büöbl-Erscheinung eine ganz banale Erklärung stecken kann, belegt die kurze Geschichte „Das weiße Gespenst von Zollbrunn“, die Friedrich Popp für Band II/1991 der Schriftenreihe des Heimatpflege-Vereins Gehülz/Seelach/Ziegelerden aufschrieb.
Eine Sage, die auch in Gehülz, aber nicht vom Gsüble Büöbl handelt, wurde 1949 und 1992 in hochdeutscher Fassung unter dem Titel „Ein unseliger Gast“ veröffentlicht. Dieser Text war in einigen inhaltlichen Details abgewandelt gegenüber der älteren, mehr Lokalkolorit vermittelnden, mundartlichen Fassung von Hans Stäudel, deren Ausdrucks- und Schreibweise Bernd Graf für Band IV/1997 der vorgenannten Schriftenreihe neu bearbeitete. In der Sage gesellt sich zu zechenden Korbmachern ein feiner Herr, der, indem man seinen Pferdefuß entdeckt, als Teufel entlarvt wird. Bei dieser Entdeckung wird er in der alten Mundartfassung als „usiche Käll“ bezeichnet. Die Vokabel usich, die u. a. in den Bedeutungen unansehnlich, verkrüppelt, minderwertig, schlecht und unausstehlich verbreitet ist, entstand verkürzend aus dem Wort unselig, das heutzutage für „Unheil bringend“ steht.
In seinem Buch „Erzählgut und Volksglaube im Frankenwald“ (Kronach 1989) ordnet Alfred Schäfer die Sage „Ein unseliger Gast“ der Kategorie der mythischen oder dämonologischen Sagen zu. Schäfer stellt 55 neue „Erlebnissagen aus dem 20. Jahrhundert“ (so der Untertitel seines Werks) vor, von denen zwei, die auf unerklärlichen Geschehnissen beruhen, im Zusammenhang mit dem Boggsgroum (Boxgroum) stehen. Fälschlicherweise wird der Name dieser Gehülzer Geländevertiefung mit einem Ereignis von 1928 in Verbindung gebracht, seit welchem es dort nicht mit rechten Dingen zugehen soll. Tatsächlich findet man die Bezeichnung Bocksgraben bereits in einem Lehenverzeichnis der Herrschaft Theisenort von 1673 (vgl. Band II/1991 der Heimatpflege-Vereins-Schriftenreihe).
                                                                                                                                          Bernd Graf / Jan. 2010

    
Zeichnung links: Anlässlich der Eingemeindung von Gehülz und Seelach nach Kronach begrüßen sich am 1. Mai 1978 dä Gsüble Büöbl und dä Groaniche Roudhausbüöbl. Im Bildhintergrund ist das Heiligenwäldchen oberhalb des Gießübels zu sehen (Zeichnung: Hans Weber, Gehülz-Ellmershausstraße).
Foto rechts: Beim TVE-Büttenabend 1998 in Gehülz-Entmannsdorf (närrischerweise wurde der Name Entmannsdorf als „Dorf der Entmannten“ gedeutet) stieg Faschingspräsident Hans Blinzler als Gsüble Büöbl in die Bütt (Foto: Bernd Graf).

Zum Thema „Pöbel-Sagen“ siehe auch unter: Haßlacherberg – Geschichten