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Ungewohnte Ortsansicht mit Brander Höhe (links) und beiden Gehülzer Gotteshäusern – Foto: Bernd Graf  

Gehülzer „Kreuzerhöhungskirchweih“
um den Sonntag nach dem 14. September

Alljährlich im September feiert Gehülz seine Dorfkirchweih. Von den Einwohnern wird kaum noch wahrgenommen, dass dieses Traditionsfest, dessen Stellenwert im Dorfgeschehen in den letzten Jahrzehnten eher rückläufig war, eng mit der Ortskirchengeschichte zusammenhängt. Terminlich wird diese „Kerwa“ durch den Sonntag nach dem Kreuzerhöhungstag – das ist der Sonntag nach dem 14. September – bestimmt.
Eigentlich handelt es sich dabei um den Kirchweihtermin von Schmölz, wohin die Gehülzer Christen als Untertanen der Herrschaft Theisenort einst „pfarrten“. Nach der kirchlichen Trennung von Schmölz, die katholischerseits 1829 und evangelischerseits 1866 (für eine Minderheit erst 1939) erfolgte, blieb den Gehülzern dieser Termin für die weltlich geprägte Dorfkirchweih erhalten. Die Weihegedenktage der beiden im 20. Jahrhundert erbauten Gotteshäuser von Gehülz folgen am Sonntag nach dem 29. September für die 1961 eingeweihte evangelische St.-Michael-Kirche und am zweiten Sonntag im Oktober für die 1934 eingeweihte katholische St.-Bonifatius-Kirche. Also: zuerst die (nach dem Zweiten Weltkrieg auch „Fresskerwa“ genannte) Dorfkirchweih, danach im Doppelpack die geistlich ausgerichtete „Keringkerwa“.

Weltliches und Geistliches
Wenn auch oben von einem eher rückläufigen Stellenwert der Dorfkirchweih die Rede war, darf man gleichwohl nicht übersehen, dass die alljährlichen Kirchweihtage nach wie vor für viele unverzichtbar sind und den Gehülzer Veranstaltungskalender um so manche Darbietung bereichern. Der durch die Streusiedlungslage gekennzeichneten Dorfstruktur von Gehülz ist es geschuldet, dass die vielfältigen Kirchweihaktivitäten der Vereine auf verschiedene Stätten verteilt sind und zum Teil sogar „in doppelter Ausführung“ zeitgleich laufen. Natürlich hat die von Donnerstag bis Montag dauernde Dorfkirchweih auch gastronomisch Besonderes zu bieten.
Wie sah beispielsweise das Kirchweihprogramm 2008 der örtlichen Vereinswelt aus? Zwischen dem Preisschafkopf am Freitag und der abschließenden Kirchweihmontagsunterhaltung (einschließlich Kinderspielen und Hahnenschlag) gab es Traditionelles wie Kirchweihständchen, Tanz oder Gaudifußball. Der Veranstaltungskalender wies zur „Kerwa“ aber auch neuere Programmpunkte wie Tischtennis-Hobbyturnier oder „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Turnier auf.
1996 bis 2006 wurde die zuvor rein weltlich begangene „Kerwa“ im evangelischen Gottesdienst in St. Michael Gehülz thematisiert. So wurde anlässlich dieser „Kreuzerhöhungskirchweih“ daran erinnert, dass nach christlicher Überzeugung das Heil der Welt darin begründet ist, dass Jesus Christus „am Kreuz erhöht“ wurde (vgl. Johannes-Evangelium Kapitel 3 Vers 14: „Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben“). Ein zweites Motiv, das beim gottesdienstlichen Mitfeiern der Dorfkirchweih vertieft wurde, waren die langen und beschwerlichen Kirchwege der Vorfahren von den Gehülzer Ortschaften nach Schmölz (bzw. später nach Kronach), wodurch das Bild von der christlichen Gemeinde als „wanderndes Gottesvolk“ lebendig wurde.
Im Gehülzer Dorfkirchweihgottesdienst 2001 musste der mit dem ehrenamtlichen Verkündigungsdienst beauftragte Bernd Graf auch die fünf Tage zurückliegenden Terroranschläge vom 11. September in den USA und die daraus resultierende Trauer und Angst verarbeiten bzw. verarbeiten helfen. Wegen der weitreichenden Folgen dieser Selbstmordattentate wurde der 11. September 2001 weltweit als historische Zäsur betrachtet. Grafs damalige Kirchweihpredigt kann hier nachgelesen werden. Teilweise abgesagt wurde infolge der Terroranschläge das Kirchweihprogramm 2001 der Gehülzer Vereine.

Kirchweih „Drehpunkt des Jahres“
Im Schmölzer Pfarrbuch von 1915 heißt es, dass die Kirchweih „hier immer am Sonntag nach Kreuzes Erhöhung“ stattfindet. In dem Pfarrbuch wird für das späte 17. Jahrhundert aufgezeigt, dass die Kirchweih sogar den Anfang des ortskirchlichen Rechnungsjahrs und die Kreuzerhöhung dessen Ende markierte. Die Ursprünge des Kreuzerhöhungsfestes hängen mit der Kreuzesreliquie Jesu Christi zusammen, die am 14. September des Jahres 335 zum ersten Mal feierlich dem Volk gezeigt wurde. Im Buch „Das Kirchenjahr entdecken & erleben“ (Leipzig 2006) schreibt Eckhard Bieger: „Kreuzerhöhung stellt das Kreuz als Siegeszeichen dar, allerdings nicht im Sinne der Kreuzzüge, sondern weil Jesus am Kreuz von innen her das Böse überwunden hat.“ Das Kreuz Jesu werde als Lebensbaum gedeutet, „weil sich durch den Tod Jesu am Kreuz das Tor des ewigen Lebens erschloss“, heißt es bei Manfred Becker-Huberti im „Lexikon der Bräuche und Feste“ (Freiburg 2000).
2004 wurde am Kreuzerhöhungstag – und damit sozusagen zum Auftakt der Gehülzer „Kerwa“ – das Geiersgrabener Wegkreuz nach Restaurierung ökumenisch wiedergeweiht. Auch für das Wegkreuz in der Straße Breitenloh wurde die ökumenische Weihe nach Erneuerung des Christuskorpusses 2008 auf den Tag der Kreuzerhöhung, also auf den 14. September, gelegt.
Abschließend ein Literaturhinweis: Die Kirchweih bzw. „Kerwa“ wird aus fränkischer, Schmölzer, Gehülzer und Haßlacherberg-Sicht ausführlich behandelt in einem volkskundlich-historisch-theologischen Beitrag von Bernd Graf in Band 2 der Schriftenreihe des Heimatpflege-Vereins Gehülz/Seelach/Ziegelerden (S. 389 bis 421: „Fränkische Kerwa, Drehpunkt des Jahres“).
(bg. / 10. 5. 2008)

    Dass die Einwohner der Orte „auf dem Gehülz“ zur Pfarrei Schmölz gehörten, wird auch durch die beiden Bilder links deutlich. Als 1690 die Schmölzer St.-Laurentius-Kirche erweitert und mit Emporenbildern zu biblischen Geschichten ausgeschmückt wurde, stifteten Johann Schwemmlein „am Judengraben“ und Johann Fischer „in Keßel“
(Kestel) diese Gemälde zu den alttestamentlichen Motiven „Simsons große Stärke durch Zerreißung eines Löwen“ und „Des Kreuzträgers Hiob große Geduld“. Als weiterer Stifter aus dem Redwitzischen Gehülz verewigte sich Meister Johann Rau „in Röthern“, Zimmermann, dessen Bild „Simsons Entkräftigung durch List der Delila“ überschrieben ist. Während die Gemälde der oberen Empore die Wege Gottes mit seinem Volk Israel und mit der gesamten Menschheit aufzeigen, stellen die Gemälde der unteren Empore die Jesus-Geschichte von der Geburt bis zur Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt sowie das Pfingstwunder und weitere neutestamentliche Überlieferungen bis zum „Sieg über den Tod“ dar. Auf den Bildern der Orgelempore schließlich ist das große Halleluja des 150. Psalms als Lob Gottes dargestellt. „Die Ausmalung der Kirchen diente in früheren Jahrhunderten weit mehr der Erklärung und Verdeutlichung von biblischen Geschichten, als es in der heutigen Zeit der Fall ist“, schreibt Elisabeth Rosenbauer in der Einführung des 1990 herausgegebenen Buches, das die „Bilder des Glaubens aus der St.-Laurentius-Pfarrkirche in Schmölz“ vorstellt (Fotos: Sandra Meusel).