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Gehülzer Vereinsfahne mit außergewöhnlicher Geschichte wechselt Besitzer

Von Bernd Graf

Es war am Wochenende der Gehülzer Dorfkirchweih 2010, als der Heimatpflege-Verein Gehülz/Seelach/Ziegelerden eine alte Vereinsfahne in Verwahrung nahm. Übergeben wurde sie von Gertrud Bittruf (Foto), die sie bis dahin in ihrem Wohnhaus in der oberen Dobersgrund-Siedlung aufbewahrt hatte. Nicht irgendeine Fahne war das. Nein, es war genau die Fahne, die für die ereignisreiche und wechselvolle Geschichte des Chorgesangs in Gehülz im 20. Jahrhundert steht. „Gesang-Verein ‚Eintracht’ Gehülz“ ist darauf zu lesen, und die Jahreszahl 1914. Auf den ersten Blick ist es deshalb verwirrend, dass es der Arbeiter-Gesangverein Gehülz war, der diese Fahne als letzter Verein im Besitz hatte. Bei genauerer Nachforschung bestätigt sich die Kuriosität, dass die Fahne einen Wechsel vom „bürgerlichen Lager“ in das „Arbeiterlager“ hinter sich hat, wobei freilich diese Aufteilung im Gesangvereinswesen im Verlauf des 20. Jahrhunderts an Stellenwert verlor.

Von der „Eintracht“ zu den Arbeiter-Sängern
Aus der Geschichte des Gesangvereins „Eintracht“ Gehülz ist bekannt, dass er 1920 sein 20-jähriges Stiftungsfest feierte. Da lag die Anschaffung der Fahne schon einige Jahre zurück. Nachdem der 1911 gegründete Arbeiter-Gesangverein 1933 durch den NS-Staat zwangsaufgelöst worden war, dürften etliche Arbeiter-Sänger bei der von den Nazis gleichgeschalteten „Eintracht“ mitgesungen haben, bis deren Chorbetrieb kriegsbedingt eingestellt werden musste. Für die ersten Nachkriegsjahre ist in Gehülz eine „Sängervereinigung“ belegt. Ob dieser Name darauf hindeuten sollte, dass sich frühere „Eintracht“-Sänger und frühere Arbeiter-Sänger „vereinigt“ hatten, kann heute wohl nicht mehr geklärt werden. Ebenso unklar sind die Umstände, die zur (Wieder-)Gründung des Arbeiter-Gesangvereins im Jahr 1949 führten. Wenn man sieht, dass Wilhelm Haderlein aus Gehülz-Brunnschrot vor dem Krieg bei der „Eintracht“ und danach bei der „Sängervereinigung“ und später beim Arbeiter-Gesangverein als Ehrenvorsitzender geführt wurde, dann wird dabei eine Zeitschiene deutlich, auf der auch die wechselnde Vereinszuordnung der „Eintracht“-Fahne mit der Jahreszahl 1914 nachvollziehbar ist.

Die Traditionsfahne lag Karl Bittruf sehr am Herzen
1952 erfolgte die Gründung des Gehülzer Gesangvereins „Liederkranz“ Breitenloh, der sich zwar als Nachfolger des Gesangvereins „Eintracht“ Gehülz verstand, aber auf einer Versammlung 1953 feststellen musste, dass er keinen Anspruch auf dessen Fahne erheben konnte. Denn die alte „Eintracht“-Fahne war mittlerweile zur Vereinsfahne der Arbeiter-Sänger geworden. Nachdem beim Arbeiter-Gesangverein 1973 der wohl letzte Wiederbelebungsversuch gescheitert und 1996 die Auflösung erfolgt war, nahmen die langjährige Vereinskassiererin Gertrud und ihr Ehemann Karl Bittruf die Traditionsfahne in ihre Obhut. Besonders für Karl Bittruf hatte sie einen hohen ideellen Wert. Als Gertrud Bittruf ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes – dessen zu Lebzeiten geäußertem Wunsch entsprechend – die Fahne an den Heimatpflege-Verein übergab, wurde einerseits deutlich, wie sehr der Zahn der Zeit an ihr genagt hatte, andererseits aber auch, wie sorgsam man im Hause Bittruf in den letzten Jahren mit ihr umgegangen war. Die Fahnenrückseite ziert übrigens der Spruch: „Sind wir von der Arbeit müde, ist noch Kraft zu einem Liede.“ Darin kann man doch ein Motto gerade auch für Arbeiter-Sänger sehen.

Spannende Fahnengeschichte auch bei Freien Turnern
Wenn Vereinsfahnen erzählen könnten… In diesem Zusammenhang fällt einem fast zwangsläufig auch die ungewöhnliche Geschichte der Fahne der Freien Turnerschaft Gehülz ein, die heute vom Rechtsnachfolger, dem ATSV Gehülz, in seinem Vereinsheim aufbewahrt wird. Diese Fahne wurde, als genügend Mitgliederspenden angesammelt waren, 1923 bei einer Firma in Leipzig in Auftrag gegeben und im voraus bezahlt. Die Fertigung der Fahne verzögerte sich, und die Inflation erreichte ihren Höhepunkt. Die Firma verlangte eine nochmalige Bezahlung in der neuen Währung. Weil die Mitglieder von ihrem kargen Einkommen ein zweites Mal opferten, konnte die Freie Turnerschaft Gehülz (vormals Arbeiter-Turn-Verein Entmannsdorf) zu ihrem 20-jährigen Stiftungsfest 1924 auch die Fahnenweihe durchführen. Im Zusammenhang mit der Zwangsauflösung 1933 wurde die Vereinsfahne des nunmehr ATSV Gehülz heißenden Vereins (wie übrigens auch die Fahnen des ATSV Ziegelerden und des Arbeiter-Gesangvereins Ziegelerden) beschlagnahmt und bei der Gendarmerie-Hauptstation Kronach verwahrt. Vorausgegangen war der mutige Versuch zweier Vorstandsmitglieder, die Fahne durch Einmauern in einen blinden Kamin zu retten. Dieses Versteck wurde jedoch verraten. Der beschlagnahmende Gendarm namens Platsch ließ die Fahne aber nicht vernichten, sondern bewahrte sie auf und übergab sie 1947 wieder dem ATSV, der 1953, nach einem mit der Wiedergutmachungsbehörde geschlossenen Vergleich, auch seinen vom NS-Regime enteigneten Turnplatz in Gehülz-Geiersgraben zurückerhielt.

Veröffentlicht am 20. September 2010

Quellen- und Literaturangaben:
● Schriftenreihe „Mein Gehülz – Historisches vom Haßlacherberg“ des Heimatpflege-Vereins Gehülz/Seelach/Ziegelerden (1988/1991/1993/1997 – Redaktion/Schriftleitung Bernd Graf). Darin u. a.: Bernd Graf. Gehülzer Gesang- und Sportvereine. In: Band III/1993 S. 118 ff.
● Bernd Graf. Zur Geschichte des Chorgesangs in Gehülz. In: Chronik und Festschrift zum 50-jährigen Gründungsjubiläum des Gehülzer Gesangvereins „Liederkranz Breitenloh“ (2002 – Schriftleitung Bernd Graf)
● Lothar Biesenecker. Identifikationssymbole des Vereins – die Fahnengeschichte des ATSV Gehülz. In: Chronik und Festschrift zum Jubiläum „100 Jahre Arbeiter-Turn- und Sport-Verein Gehülz 1905 e. V.“ (2005 – Schriftleitung Bernd Graf)