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Ortsnecknamen: Tappmmache, Lahmaquetsche, Zungarausreiße ...

Ortsnecknamen, auch Ortsspitznamen, Ortsspottnamen oder Ortsfoppnamen genannt, sind mehr oder weniger scherzhafte, ursprünglich oft abfällig gemeinte Bezeichnungen für die Bewohner bestimmter Ortschaften. Häufig sind sie aus dem Blickwinkel eines einzelnen oder mehrerer Nachbarorte entstanden. Dass diese Namen von ganz verschiedenen Umständen herrühren können und auch von sehr unterschiedlicher Aussagekraft über die ehemaligen Ortsbewohner sind, lässt sich bei einer vergleichenden Betrachtung der Haßlacherberg-Ortsnecknamen gut nachvollziehen. Während manche Necknamen z. B. auf ausgeprägte Besonderheiten eines Ortes verweisen, nehmen andere auf einen einmaligen Vorfall oder eine vorübergehende Auffälligkeit Bezug.

Ziegelerden: Tappenmacher (mundartlich Ziglääne Tappmmache bzw. Dabbmmache)
Bereits um 1800 ist die Tappenmacherei in Ziegelerden bezeugt (1825: „Tappenstrickerey aus Ziegen-Haaren“). Wenn sich Material und Fertigungsweise im Lauf der Zeit auch verändern, bleibt Ziegelerden – wenn auch mit Unterbrechung – doch noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein ausgeprägtes Tappenmacherdorf. Wohl bereits für das 19. Jahrhundert gilt, was Georg Fehn in der „Chronik von Kronach“ (Band IV/1969 S. 215) feststellt: „Die Cronacher Schuster blickten verächtlich auf dieses Gewerbe: ‚Ziegelerdener Tappenmacher’ wurde fast ein Spottname.“

Seelach: Lehmquetscher (mundartlich Sejliche Lahmaquetsche bzw. Lahmagwedsche)
In die Flurnamensammlung der Gemeinde Seelach trägt Rudolf Bauer 1935 hinter dem Flurnamen „der rothe Acker“ die Erläuterung „Lehmboden“ und einen Hinweis auf den Spitznamen „Seelicher Lahmaquetscher“ ein (wobei er diese aus Hochdeutsch und Mundart zusammengemischte Schreibweise wählt). Im Landkreis-Jahrbuch 16/1986 (S. 40) spricht Roland Graf stattdessen vom Lahmapatscher [mundartlich Lahmabadsche] und von der einstigen Seelacher Ziegelhütte, in der Ziegel „gepatscht“ (geschlagen) wurden. Auch der Mundartbegriff Lahmagnüödsche (oder -gnüedsche) ist in diesem Zusammenhang bekannt. Wie bei der oben aufgeführten Tappenmacherei handelt es sich auch bei der Ziegelherstellung um ein unzünftiges Gewerbe, und so haben auch die mit „Lahma“ beginnenden Namen ursprünglich etwas Herablassendes an sich.
■ Schullehrer Bauers Flurnamensammlung präsentiert noch einen zweiten Ortsspitznamen: „Seelicher Leithenscheißer“ [Sejliche Leidnscheiße]. Zu dem in der Sammlung mehrfach vorkommenden Wort Leithen merkt Bauer an: „Alle Leithen sind Abhänge; die Flur ist bergiges Gelände.“ Zum Begriff Leithenscheißer, der auch anderen Orten in der Region als Neckname „dient“, bietet die Literatur noch den Hinweis auf die „separat hinter dem Haus“ und somit am Hang stehenden Toiletten.

Gehülz: Zungenherausreißer (mundartlich: Ghülse Zungarausreiße)
Entsprechend der umgangssprachlich verbreiteten Unsitte, für den früheren Gemeindenamen und späteren Ortsnamen Gehülz den früheren Gemeindeteilnamen und späteren Straßennamen Breitenloh zu verwenden, ist die mundartliche Formulierung „Braad(n)leje Zungarausreiße“ gängiger. Doch sind es nicht Einwohner des Gehülzer Gemeindeteils Breitenloh, sondern des Gehülzer Gemeindeteils Zollbrunn, die 1899 für jenes bestialische Verbrechen verurteilt werden, auf dem der Ortsspitzname basiert: Einem Handwerksburschen wird laut Zeitungsbericht vom 23. Januar 1899 die Zunge „zum großen Theil ganz ausgerissen und ihr zurückgebliebener Rest vollständig zerstückelt und zerfetzt“. Der Vorfall ereignet sich im „Seelacher Wäldchen“ nahe dem Kronacher Schießhaus. Tatwerkzeug ist laut Gerichtsmedizin entweder ein scherenförmiges Instrument, wie es Korbmacher zum Schilfschneiden verwenden, oder ein Floßholzreißer (U-förmige scharfe Klinge zum Kennzeichnen von geschlagenen Baumstämmen, mundartlich Nüü oder Üü genannt). Bei der Gerichtsverhandlung befindet sich die in Spiritus konservierte Zunge des Opfers auf dem Gerichtstisch (mehr dazu in der Heimatpflege-Vereins-Schriftenreihe Band IV/1997 S. 126 ff.).

Weitere Ortsspitznamen für Haßlacherberg-Ortschaften
Die oben aufgeführten Necknamen sind durch die Heimatliteratur belegt. Darüber hinaus kommt noch die eine oder andere Bezeichnung zum Vorschein, wenn man ältere Zeitgenossen befragt (wobei hier kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird).
Zum Beispiel geben einige Zeitzeugen „Naggela“ als Gehülzer Ortsspitznamen an. Dieser Mundartbegriff geht zurück auf das Wort Tabernakel, das nach katholischer Lehre den Aufbewahrungsort der in der Heiligen Messe gewandelten Hostien bedeutet. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird dieses Wort in Gehülz – zumindest von manchen – wohl eine Zeitlang auffallend oft als Fluch missbraucht, weshalb speziell von Seiten der Haßlacherberg-Nachbarn in Ziegelerden der genannte Spitzname geprägt und verwendet wird. Aber auch eine umgekehrte Verwendung dieses Spitznamens („Ziglääne Naggela“ aus dem Mund von Gehülzern) wird von einigen Befragten bezeugt.
Ist auch „Hunds-“ bzw. „Hündsfresse“ ein Gehülzer Ortsspitzname? Dass in schlechten Zeiten Hundefleisch verspeist wird (und Hundefett als Heilmittel eingesetzt wird), gehört zur Alltagsgeschichte vieler Orte nah und fern. Weithin bekannt ist „Hundsfresser“ als Spitzname z. B. für Neustadt bei Coburg, Steinach im Landkreis Sonneberg, das osthessische Widdershausen oder das saarländische Schwarzenholz. In Gehülz scheint ein in den 1930er Jahren „aktiver“ Hundeschlächter in diesem Zusammenhang eine Rolle zu spielen. Der darauf bezogene, wenn auch nicht sehr verbreitete Neckname für die Gehülzer entsteht offenbar ebenfalls in Ziegelerden.
Das wechselseitige Belegen mit Spitznamen gehört zur Historie so mancher Ortsnachbarschaft. Auch zwischen Gehülz und Ziegelerden scheint etwas daran zu sein.
Ein zuverlässig bezeugter Ortsspitzname für die Ziegelerdener lautet „Baalalejse“, was in der wörtlichen Übersetzung „Knöchlein-“ oder „Knöchelchen-Aufleser“ oder „-Aufsammler“ bedeutet. Das nimmt wohl Bezug auf die früher alltägliche Tätigkeit des Brennholzsammelns und ist als Anspielung darauf zu verstehen, dass dünne Zweige bzw. Äste (Reisigäste), die dürr und ohne Rinde sind, so ähnlich wie Knochen von geringer Stärke aussehen. Beim Begriff „Baala“ fällt übrigens auch die mundartliche Wendung „Baala oudsausn“ (-zausn) ein, die beim Verspeisen von Geflügel für das Abnagen des Fleisches von den dünnen Knochen steht.
Nicht fehlen soll in dieser Aufzählung ein Ziegelerdener Ortsneckname, der im Zusammenhang mit dem „Tappmmache“ steht und auf eine Besonderheit bei der Fertigung der in den 1920er, 1930er und 1940er Jahren ortstypischen Hausschuhe aus Stoffresten und Fahrrad-Reifengummi anspielt: Däggslafresse. Was aber verbirgt sich hinter diesem Mundartbegriff? Täckse (mundartlich Däggs) sind Metallstifte unterschiedlicher Länge, mit denen beim Tappenmachen der Schaft auf der Brandsohle (9 mm Stiftlänge), die Laufsohle auf der Zwischensohle (14 mm) und der Absatz auf der Laufsohle (18 mm) festgenagelt werden. Für diese Arbeitsvorgänge verwendet man auch das Verb täcksen (mundartlich däggsn). Der geübte Tappenmacher gibt mehrere Täckse in den Mund unter die Zunge. Mit deren Hilfe befördert er die Metallstifte dann einzeln und mit dem Stiftkopf nach vorne aus dem Mund heraus, um einen nach dem andern zu ergreifen und zu verarbeiten. Wenn man sich diese Vorgehensweise vorstellt, wird auch schnell der Sinn des ehemals vor allem wohl in den Rodachtal-Nachbarorten Neuses und Johannisthal gebräuchlichen Necknamens Däggslafresse klar.

Bernd Graf im Februar 2010

Dieses Foto bezieht sich auf den Ziegelerdener Ortsspitznamen Däggslafresse. Als Oswald Schubart, „Alt-Tappenmacher“ aus Gehülz-Geiersgraben, im Rahmen des Projekts „Vergangenheit erleben“ der Volksschule Gehülz-Ziegelerden den Schulkindern 1998 vorführte, wie früher die Tappen in vielen Häusern von Gehülz und Ziegelerden gefertigt worden waren, nutzte er auch seinen Mund als „Zwischenlager“ und „Ausgabevorrichtung“ für die Täckse.
Foto: Helmut Wenig