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Pflege des Oberostfränkischen stiftet heimatliche Identität

Der eigene Dialekt macht ein wichtiges Stück regionaler Identität aus und ist für viele Menschen Merkmal und Ausdruck von Heimat. Mundart ist keineswegs eine schludrige Abart des Hochdeutschen, sondern ein eigenständiges, voll funktionsfähiges Sprachsystem. Laut sprachwissenschaftlicher Definition ist Mundart „eine der Schriftsprache vorangehende, örtlich gebundene, auf mündliche Realisierung bedachte und vor allem die natürlichen alltäglichen Lebensbereiche einbeziehende Redeweise, die nach eigenen, im Verlaufe der Geschichte entwickelten Sprachnormen von einem großen heimatgebundenen Personenkreis in bestimmten Sprechsituationen gesprochen wird“.
Der Landkreis Kronach gehört nördlich des Rennsteigs zum südostthüringischen, südlich davon zum oberostfränkischen Dialektraum. Letzterer umfasst große Teile Ober- und Mittelfrankens. Im oberostfränkischen Mundartgebiet des Landkreises Kronach fällt – grob betrachtet – eine Zweiteilung auf: Während der südliche Landkreis – und damit auch der Haßlacherberg – dem östlichen Obermain-Raum zugehört, hebt sich in der Landkreismitte das Teuschnitzer Gebiet aufgrund seiner mundartlichen Eigenheiten ab. Die unten stehende Grafik verdeutlicht diese Gliederung.

Seelacher Gespräche zur Mundartschreibweise 
Im Landkreis Kronach gab es in den letzten Jahren zahlreiche Initiativen und Aktionen zur Förderung der Mundartpflege. Beispielsweise kamen im Jahr 2000 auf Einladung der Kreisheimatpflege Mundartautoren, Heimatpfleger, Pädagogen und Sprachwissenschaftler dreimal zu den „Seelacher Gesprächen“ zusammen, bei denen es um Regeln für die Schreibweise der oberostfränkischen Mundarten im Landkreis Kronach ging. Die bei diesen Fachgesprächen vertretenen und teilweise recht kontroversen Standpunkte sowie das schließlich mehrheitlich favorisierte, kurzgefasste Regelwerk sind Gegenstand eines Beitrags im Heimatkundlichen Jahrbuch des Landkreises Kronach Nr. 23 (S. 96 ff.), den wir auf dieser Webseite wiedergeben.

Lukas-Evangelium auf Gehülzerisch
Zu den bemerkenswerten Aktivitäten auf dem Gebiet der Mundartpflege im Landkreis Kronach zählt die Veranstaltungsreihe „Mundart-Advent an der Heimatkrippe“ des Heimatpflege-Vereins Gehülz/Seelach/Ziegelerden (der Reihe ist in dieser Webpräsenz eine eigene Seite gewidmet). Zweimal stand der „Mundart-Advent“ mit dem Projekt „Fränkischer Lukas“ zur Übersetzung des Lukas-Evangeliums in fränkische Mundarten in Verbindung. Der Initiator und Leiter dieses Projekts, Pfarrer Hartmut Preß, der wiederholt auch auf der Gehülzer „Mundart-Kanzel“ stand, wollte dem Dialekt auch in der Kirche den „ihm zustehenden Platz“ (so Preß wörtlich) verschaffen. In diesem Zusammenhang verteidigte Hartmut Preß die Mundart gegen zwei Unterstellungen: zum einen, sie sei eine Sprache minderer Qualität, zum anderen, sie gehöre in die Gaudi-Ecke. Ernstes, Besinnliches und Kritisches könne mundartlich oft besser „rübergebracht“ werden als in Hochdeutsch, war sich Preß sicher. Der Verlag Fränkischer Tag in Bamberg brachte den „Lukas auf Fränkisch“ als Buch (2001) und als Hörbuch (2004) heraus. In diesen Publikationen ebenso wie auf Autorenlesungen und im Rundfunk vertrat Bernd Graf, der zu den Mitübersetzern des Lukas-Evangeliums ins Fränkische gehört hatte, in seiner Gehülzer Mundart den Landkreis Kronach. Mehr über den „Fränkischen Lukas“ bzw. den „Lukas auf Fränkisch“ ist zu lesen im Heimatkundlichen Jahrbuch des Landkreises Kronach (HJL) Nr. 23 (S. 101 ff.) sowie in den Veröffentlichungen der Kreisheimatpflege Kronach (VKK) vom 5. 12. 2001 und vom 16. 12. 2004. Besonders empfehlenswert ist dazu der umfassende Beitrag auf dieser Webseite.
(bg. / 22. 4. 2008)

Nachfolgend Archivfotos der Kreisheimatpflege Kronach sowie eine Grafik von Angelika Kempf (Landratsamt Kronach 2008)

 

 

 2000: Bei den „Seelacher Gesprächen“ diskutieren Mundartautoren,
Heimatpfleger, Pädagogen und Sprachwissenschaftler
über die Mundartschreibweise im Landkreis Kronach.
Mit im Bild Bernd Graf (2. v. l.) und Hans Blinzler (5. v. r.)
vom Heimatpflege-Verein Gehülz/Seelach/Ziegelerden.

 

2002: Bei einer Autorenlesung im mittelfränkischen Weisendorf aus
dem Lukas-Evangelium auf Fränkisch vertritt Bernd Graf (3. v. l.)
mit seiner oberostfränkischen Mundart in Gehülzer Ausprägung
den Landkreis Kronach und den östlichen Obermain-Dialektraum.

 

2004: Bei Radio Bamberg finden die Hörbuch-Aufnahmen zum „Lukas auf
Fränkisch“ statt. Im Bild (v. l.) Projektleiter Pfarrer i. R. Hartmut Preß,
Bernd Graf, der seine in Gehülzer Mundart übersetzten Bibelabschnitte
vorträgt, und die Rödentaler Mundartautorin Anneliese Hübner.

 

Der Haßlacherberg liegt in der südlichen Mundartzone des Landkreises
Kronach, die Teil des östlichen Obermain-Dialektraums ist und mit diesem zur
oberostfränkischen Sprachregion gehört. Bei der dargestellten Dreiteilung
des Kronacher Kreisgebiets handelt es sich um eine Grobgliederung ohne
Berücksichtigung der oft von Ort zu Ort feststellbaren Ausprägungsunterschiede.