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Mundart-Frage des Monats Juni 2008 – Anlass: Fußball-EM

Hier ist die Mundart-Frage des Monats Juni 2008 (auf Anregung der Lokalredaktion des Fränkischen Tags Kronach):

Das gemeinsame Zuschauen bei Fußball-Ereignissen wie der Weltmeisterschaft und jetzt auch der Europameisterschaft in der Schweiz und in Österreich wird – leider wieder mal auf Englisch – allgemein mit „Public Viewing“ bezeichnet. Allein die Aussprache ist schon der Fremdsprache nicht Mächtigen unmöglich, außerdem sollten wir in Deutschland, solange es geht, Deutsch sprechen.

Wir suchen einen Mundart-Ausdruck für dieses „Zusammen-Gucken“ von Fußball-Ereignissen! 

Übrigens definiert „Wikipedia“ den Begriff des „Public Viewing“ als „das gemeinschaftliche Mitverfolgen vieler Zuschauer von live übertragenen, medialen Großereignissen wie z. B. Sportveranstaltungen auf Großbildwänden an öffentlichen Standorten“. Das Deutsch/Englisch-Wörterbuch „dict.cc“ übersetzt „Public Viewing“ mit „öffentliche Live-Übertragung“. Obwohl dieses Phänomen nicht neu ist, hat sich erst seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 im deutschen Sprachgebrauch dafür der Begriff „Public Viewing“ eingebürgert. Im englischen Sprachraum wird dieser Begriff in diesem Sinne nicht benutzt. Im amerikanischen Englisch bezeichnet er laut „Wikipedia“ die öffentliche Aufbahrung eines Verstorbenen.

Laut „Süddeutsche Zeitung Magazin“ (SZM) vom 29. 12. 2006 geht die Erfindung des Begriffs „Public Viewing“ auf den deutschen Sportsoziologen Hans-Jürgen Schulke zurück. Das Konzept des „Public Viewing“ sei beschlossen worden, um vor allem den Hunderttausenden von ausländischen Gästen, die nur für einzelne Partien Eintrittskarten ins Stadion besaßen, die öffentliche Übertragung aller Spiele zu bieten. Es wurden Großbildleinwände unter anderem auf so genannten Fanmeilen, in ungenutzten Stadien und in Parkanlagen errichtet. Im Laufe der Weltmeisterschaft, so SZM, „veränderte der Begriff Public Viewing jedoch seine Bedeutung und wurde rasch zum Synonym für jede Art von öffentlicher WM-Übertragung, auch abseits der eigens dafür errichteten Schauplätze. Sogar jahrzehntealte namenlose Praktiken wie das gemeinsame Verfolgen von Fußballspielen in Kneipen, ursprünglich auf den Mangel von Fernsehgeräten in Privathaushalten zurückgehend, firmierten bei diesem Turnier unter der neuen Bezeichnung.“

Die UEFA hat für die „öffentliche Vorführung“ von Spielen der UEFA-Fußball-Europameisterschafts-Endrunde 2008 „allgemeine Bedingungen“ aufgestellt. Laut Punkt 1 gilt als „öffentliche Vorführung“ jede Vorführung der betreffenden Spiele, „die außerhalb der Privatsphäre bestehend aus Familie und privaten Gästen auf einem Bildschirm oder einer Großleinwand mit einer Diagonale von mehr als drei Metern stattfindet“. Punkt 1 der „allgemeinen Bedingungen“ schließt mit dem Hinweis, dass ab Punkt 2 der Begriff „öffentliche Vorführung“ durch den Begriff „Public Viewing“ ersetzt wird. Warum eigentlich? Fällt dadurch etwa die Bezahlung der Gebühr leichter, die bei einer kommerziellen „Public-Viewing-Veranstaltung“ für die erforderliche Lizenz an die UEFA zu zahlen ist?

Um noch einmal auf unser eigentliches Anliegen, den Mundart-Ausdruck, zurückzukommen: Eine erste Antwort auf die Monatsfrage hat der Fränkische Tag Kronach gegeben. In seiner Ausgabe vom 4. Juni 2008 verzichtet er zwar nicht darauf, von einem „Public-Viewing-Event“ zu sprechen, stellt dieses aber unter das fränkische Motto „Zamm guggng“. Der Fränkische Tag begleitet als Medienpartner das „Zamm guggng“ im Biergarten am Kronacher „Kettelerhaus“.

Auch im weiteren Verlauf des Monats Juni verwendet der FT Kronach die beiden Begriffe „Public Viewing“ und „Zamm guggng“ nebeneinander. Kurzzeitig ersetzt er die lautgetreue Buchstabenfolge „Zamm guggng“ durch die wohl etwas eingängigere Schreibweise „Zamm guggn“.

Uns gefällt – jedenfalls für die regionale Verwendung – der Mundartbegriff „Zamm guggng“ deutlich besser als so mancher Alternativausdruck, der bei einer der zahlreichen Suchaktionen im deutschsprachigen Raum favorisiert wurde: Gruppenglotzen, Hordengaffen, Rudelgucken, Massenfernsehen, Schauarena, Fußballkino, La-Ola-Kino…

(hb./bg. / Juni 2008)

Glossen und Berichte über „Zamm guggng“ (FT Kronach im Juni 2008)

„Public Viewing“ und „Zamm guggng“ auch im Mai/Juni/Juli 2010

Auf Bewährtes greift man gerne zurück – offenbar auch auf einen einprägsamen Mundartbegriff. Und so verkündet der Fränkische Tag Kronach in seiner Pfingstausgabe 2010, dass „Zamm guggng“ startet. So heißt – wie erstmals 2008 – das Public Viewing im Biergarten am Kronacher Kettelerhaus, diesmal anlässlich des Champions-League-Finales und der in Südafrika stattfindenden Fußball-Weltmeisterschaft (WM).

Die Süddeutsche Zeitung widmet dem „Phänomen Public Viewing“ und der „Kulturgeschichte des Massenjubels“ in ihrer Ausgabe vom 3. Juli 2010 eine spezielle Seite. Dort erläutert Ron Steinke noch einmal, dass Public Viewing im englischen Original die Aufbahrung eines Toten im offenen Sarg bedeutet und als von den Deutschen gezimmertes „Pseudo-Lehnwort“ eine „Liveübertragung auf Großleinwände auf öffentlichen Plätzen“ (so laut SZ die Duden-Definition ab 2007) meint. In Anspielung auf das am 3. Juli 2010 ausgetragene WM-Viertelfinalspiel Argentinien – Deutschland (0:4) ist Steinkes Artikel „Heute ist Aufbahrung“ überschrieben. Ganz in diesem Sinne nennt die Thüringische Landeszeitung Public Viewing „der Deutschen liebste Leichenschau“. Apropos Duden: „Die deutsche Rechtschreibung“, Auflage 25/2009, erklärt Public Viewing als „öffentliche Liveübertragung eines [Sport]ereignisses auf Großleinwänden im Freien“. Mit dieser Bedeutung wird der Begriff Public Viewing von einigen deutschen Online-Enzyklopädien und -Services als Neologismus und/oder als Scheinanglizismus geführt. Yahoo Deutschland präsentiert den Begriff unter dem 6. Juli 2010 sogar als einen der fünf absurdesten Scheinanglizismen der deutschen Sprache.

Ganz anders bewerten das Ganze zum Beispiel Anatol Stefanowitsch (WissensLogs) und Stefan Wallasch (11FREUNDE). Demnach steht der Begriff Public Viewing im englischen Sprachraum ganz allgemein für „öffentliche Zurschaustellung“ bzw. – präziser – „öffentliches Anschauen“. Das kann sich von der Akteneinsicht durch die Öffentlichkeit über öffentliche Theater- und Filmvorführungen sowie die öffentliche Besichtigung von Räumlichkeiten und Ausstellungen bis zur öffentlichen Aufbahrung von Toten auf alles Mögliche beziehen. Insofern ist – den genannten Autoren zufolge – die in Deutschland gängige Verwendung des Begriffs auch im internationalen Kontext unproblematisch. Dieser Sichtweise entsprechend ist Public Viewing kein Scheinanglizismus, sondern lediglich ein Lehnwort, das im Deutschen eine engere Bedeutungsspanne hat. Die Vertreter dieses Standpunkts kritisieren die „Mär von der Leichenschau“ und die „Sprachnörgler“ und „selbsternannten Sprachbewahrer“ sowie deren Kampagne gegen das „deutsche Public Viewing“.

Nachdem sich der Begriff Public Viewing in der aufgezeigten Bedeutung in Deutschland offenbar längst durchgesetzt hat, wird auch in der einen oder anderen fränkischen Mundartglosse darauf zurückgegriffen und in Anspielung auf die WM-Euphorie zum Beispiel gefragt, ob es überhaupt jemanden gibt, der aus diesem Anlass nicht „babbligg gfjuud“ hat. Auch der Name für das Blasinstrument, das als ein Symbol des südafrikanischen Fußballs gilt und ohrenbetäubenden Lärm erzeugt – die Vuvuzela –, ist bereits eingefränkischt: Anlässlich des Tags der Franken in Kulmbuch wird dem bayerischen Ministerpräsidenten am 3. Juli 2010 ein fränkisches „Fufuudsella“ überreicht, „auf dass die Stimme Frankens in München künftig deutlicher zu hören ist“, wie die Kulmbacher Rundschau am 5. Juli 2010 schreibt.

(bg. / Juli 2010)

NACHTRAG 2011:
Anfang Mai 2011 melden die Medien, dass es eine Wortschöpfung als salopp gebrauchter deutscher Ausdruck für Public Viewing in den Duden geschafft hat: Rudelgucken (auch in der verwandten Form Rudelkucken). Die Bedeutung umschreibt der Duden so: gemeinsames Anschauen von auf Großbildschirmen übertragenen [Sport]veranstaltungen (meist auf öffentlichen Plätzen).
Eine „fränkisierte“ Version des Begriffs Public Viewing – allerdings nicht aus dem Bereich des Sports – stellt die Süddeutsche Zeitung am 23. Juli 2011 vor. Auf einer Sonderseite zu den 100. Bayreuther Festspielen liest man im alphabetisch angelegten Glossar „Bayreuth für Anfänger“ unter V: „Viewing, Babblig. Gemeinsames Wagner-Schauen in Franken auf einem geschotterten Volksfestplatz. Große Stimmung, gerne auch von Cocktails befeuert.“ Laut bild.de wurde erstmals 2008 eine Aufführung („Die Meistersinger“) live als Public Viewing gezeigt. Motto: „Wagners Werke sind für alle!“

NACHTRAG 2014:
Anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien ist festzustellen, dass der im Deutschen allgemein eingebürgerte und wie selbstverständlich verwendete Begriff „Public Viewing“ auch das Kronacher „Zamm guggng“ völlig verdrängt hat.
In der Süddeutschen Zeitung vom 8. Juli 2014 glossiert Hans Kratzer das „Freestyle-Englisch, das die Deutschen so cool finden“. Wie sehr gerade das Englische drangsaliert werde, offenbare sogar die Fußball-WM, die erst mit einem Public Viewing so richtig zum Event werde. Seit jeher, so Kratzer, werde verdrängt, dass das amerikanische Englisch unter diesem Begriff die Leichenschau verstehe. In diesem Zusammenhang geht Kratzer auch auf die im Deutschen gebräuchliche Verwendung des Wortes „Handy“ ein, das eigentlich eine eher peinliche Bedeutung habe: „Die Amerikaner sagen nämlich cell phone zum Mobiltelefon, handy aber zur Praktik des Handanlegens (onanieren).“ Übrigens: Die zitierte Glosse ist in diesem Fall „More say I not“ überschrieben.
„Viele Deutsche haben das Bedürfnis, zur Benennung der Welt nicht ihre eigene Sprache, sondern die ihrer Kolonialherren zu verwenden“, sagt laut www.express.de der Vorsitzende des Vereins Deutsche Sprache, Walter Krämer. Für viele sei ihr Denglisch eine Art selbstgemachter Kosmopolitenausweis nach dem Motto „Lieber ein halber Ami als ein ganzer Nazi“.
www.noz.de verweist auf den im deutschen Sprachraum geltenden Unterschied zwischen Aufbahrung einerseits und Leichenschau oder auch Leichenbeschau andererseits. Letzteres sei die Untersuchung der sterblichen Überreste eines Menschen zur Feststellung des Todes und zur Bestimmung von dessen Ursachen und näheren Umständen. Insofern sei nicht Leichenschau, sondern Aufbahrung die richtige Übersetzung für Public Viewing. Entscheidender aber sei, dass Public Viewing auch im Englischen ganz andere Bedeutungen haben könne und im Zusammenhang mit fast allem verwendet werde, was öffentlich zugänglich gemacht wird oder besichtigt werden kann. Ein Amerikaner oder Brite könne nachvollziehen, was ein Deutscher mit Public Viewing meint, ohne gleich an einen Trauerfall zu glauben – anders als bei anderen deutschen Schöpfungen wie zum Beispiel „Handy“.
Unter der Überschrift „Leichenschau mit der Fifa“ auf www.berliner-zeitung.de stellt Jan Thomsen fest, dass der deutsche Pseudoanglizismus „Public Viewing“ inzwischen ein Pseudopseudoanglizismus sei. Die Wortschöpfung sei nämlich so gut, dass sie zum offiziellen Sprachgebrauch weltweit agierender Spitzenorganisationen geworden sei. Wer auf die Internet-Seiten der Fifa gerate (das sei jener internationale Fußballverband, der auf vielen brasilianischen Hauswänden derzeit den anglophonen Fachterminus „Fuck“ vorangesprüht bekomme), der erfahre Erstaunliches: „Public viewing has become a firm fixture of fan culture of the FIFA World Cup“, sei dort zu lesen. Frei übersetzt: „Rudelgucken ist ein fester Bestandteil der Fankultur zur Fußball-WM geworden.“ Das Deutsche setze sich also durch, heißt es zusammenfassend, zwar nicht mehr mit „Kindergarten“ und „Blitzkrieg“, sondern ganz weltläufig mit multilingualem Fachvokabular.
Noch auf ein anderes Sprachphänomen soll in diesem Zusammenhang hingewiesen werden: Es ist das Wort „Schland“, eine Kurzfassung von „Deutschland“, die angeblich den Zustand der Nation in WM-Zeiten beschreibt und meist in der langgezogenen Grölversion „Schlaaaaand“ zu hören ist. Manche bezeichnen diese Vokabel als Kunstwort und als Wortschöpfung zur Fußball-WM 2006, andere sehen darin lediglich die schon früher gebräuchliche, „alkoholisierte Abkürzung“ für „Deutschland“. Wenn sich bei sportlichen Großevents ein Großteil der Deutschen besonders emotional mit seinem Heimatland verbunden zeigt, sprechen einige von „Schlandisierung“. Als „Schland“-verrückt gestylte „Schland“-Trendsetterin mit schwarz-rot-goldener „Schlandtasche“ wird Bundeskanzlerin Angela Merkel in den Medien präsentiert; und spätestens zum WM-Finale 2014 kann auch Bundespräsident Joachim Gauck sein ihm nachgesagtes „Schland“-Fieber nicht mehr verbergen. „Schland, o Schland, wir sind von dir begeistert“, kann man da mit der Popmusikgruppe Uwu Lena singen. Oder man kann auch so reagieren wie dieser Zeitgenosse: „Ich habe den Verdacht, dass ich jetzt auch verstehe, warum manchmal als Antwort auf den Ruf ‚Schland!‘ der ähnlich kurze Ruf ‚Schloch!‘ ertönt.“
(bg. / Juli 2014)