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Rodungsnamen vom Haßlacherberg

Das Entstehen von Rodungsinseln im Gehülz (Gehölz) ist ein wesentliches Element in der Geschichte der Haßlacherberg-Besiedlung. Von den Rodungsaktivitäten zeugen verschiedene Flur-, Orts- und Straßennamen, wobei die nachfolgende alphabetische Auflistung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.
Doch bevor wir zu den Rodungsnamen kommen, sollen erst einmal einige Flur- und Ortsnamen der Haßlacherbergkette, die auf einen bestimmten Bewuchs mit Wald und Busch bzw. mit Bäumen und Sträuchern hinweisen, beispielhaft genannt werden: Seelach/Seelabach (Salweiden); Dennach ([aus Dorneich] Dorngebüsch); Tännigsberg (Tannen); Eichberg (Eichen); Eichelleite (ebenfalls Eichen); Föritzbächlein (Föhren); Kienberg (ebenfalls Föhren); Erlesbach (Erlen); Kieferig und Kieferiggraben (Kiefern); Bocksgraben (?Buchen?); Dobersgrund ([aus Dobrach] ?Eichen?); Schwarzholz (= Nadelwald). Der Flussname Haßlach, nach dem der Haßlacherberg benannt ist, verweist nach herrschender Meinung auf Haselbewuchs. Der Eiersbach südsüdöstlich von Stressenberg ist in älteren Karten als Aschbach oder als Aspach bezeichnet, was an Eschen- bzw. an Espenbewuchs denken lässt. Auch fragwürdige Verlegenheits-Neuschöpfungen wie Tannenstraße oder Kiefernweg greifen auf Baumarten zurück.
Nun aber zu den Rodungsnamen sowie zu weiteren, mit Rodungsaktivitäten im Zusammenhang stehenden Flur- und Ortsnamen:

Brand
Brandrodung – Wegbrennen des Buschwaldes bzw. des beim Fällen der Bäume und Ausreißen der Wurzelstöcke freigewordenen Ast- und Wurzelwerks.
Der 1602 ff. erstmals bezeugte Gehülzer Ortsname („aufm Brand“) wird in der Regel als Hinweis auf Brandrodung gedeutet.
Adam Ziegelhöfer und Gustav Hey (Die Ortsnamen des ehemaligen Hochstifts Bamberg, Bamberg 1911) merken hierzu an: „Die mittelalterliche Landwirtschaft brannte den Busch, bebaute ihn einige Jahre, ließ ihn wieder 15 – 20 Jahre anwachsen und brannte ihn wieder“ (Feldwald- oder Brandwirtschaft).
Der Name Brand kann auch auf einen zufälligen Flurbrand oder auf einen Kohlenmeiler bzw. auf Pechbrennerei zurückzuführen sein.

Breitenloh, Unterbreitenloh
Loh(e) = Gebüsch, Niederwald, lichtes (eventuell durch Rodung gelichtetes) Gehölz, mit Büschen oder Sträuchern bewachsene Lichtung bzw. Rodungsfläche (häufig für Weidezwecke genutzt), Heide-Wald-Mischgebiet am Rand eines größeren Waldes.
Allgemein kann mit Lohe auch eine sumpfige Stelle gemeint sein – außerdem auch die zum Gerben verwendete Baumrinde (Gerberlohe), wobei als Lohwälder häufig junge Eichenbestände dienten. Diese beiden alternativen Namenserklärungen scheiden im Fall von Breitenloh aus.
In der Heimatpflege-Vereins-Schriftenreihe (Band IV/1997 S. 210 f.) erläutern Bernd Graf und Willi Munzert: „Als ‚breiten Loh’ (Loh = Waldstück, lichter Wald) sah man aus Kronacher Sicht ursprünglich den ziemlich ebenen Flurabschnitt in der Gemarkung Kronach (später ‚Breitenloher Berg’) an […]. Diese Sichtweise wird auch bestätigt durch die Hempf-Karte von 1579, in der als ‚Bergk Braidtenloe’ ein bereits weitgehend unbewaldetes Gelände außerhalb des redwitzischen Herrschaftsbereichs bezeichnet ist.“ Daran schloss sich nach Westen hin – im Redwitzischen Gehülz also – noch dichter Wald an. Hier lässt sich der Name Breitenloh erstmals 1673 als Ortsangabe für zwei Anwesen nachweisen.

Brunnschrot, Breitenschrot, Talschrot
Schrot = Hieb, Schnitt, beim Holzschlag in den Stamm gehackte Kerbe zur Bestimmung der Fallrichtung, abgeschnittenes Baumstück, Einschnitt in den Wald, ehemaliger und mittlerweile wieder spärlich bewachsener Kahlschlag.
Das Wort bzw. der Namensteil Schrot kann in manchen Fällen auch darauf anspielen, dass man früher von Laubbäumen Äste und Zweige zum Verbrennen oder zur Verzäunung entfernte. Die Bezeichnung Schrotholz steht im Übrigen auch für Laubwald.
Vgl. z. B. auch: Steckenschrot südwestlich Rotschreuth; Brandschrot im Bereich Brand; Hüttenschrot(-Weg) westlich Ellmershaus; Schmiedschrot südwestlich Kuhberg; Stockschrot ostnordöstlich Ober- und Unterberg (zu Stock- vgl. unten).
Vgl. z. B. auch: Schrotacker und Schröttlein (= Schrötlein) als historische Bezeichnungen eines Ackers mit Wiese bzw. einer Waldung im Bereich Ellmershaus/Judengraben.

Gereumb oder Räum (im 30-jährigen Krieg zerstörte Einöde bei Häusles)
Raumen = Wegschaffen von Gebüsch und Stöcken.
Vgl. z. B. auch: Gereümb als Name eines Wiesengrundstücks im Bereich Entmannsdorf laut Lehenverzeichnis des Ritterguts Theisenort von 1673 (nach: Willi Munzert, Flurnamen des Redwitzschen „Gehültz“ von 1673 und der Steuergemeinde Gehülz von 1881, Gehülz 1995).
Vgl. z. B. auch: „Stockgeräum am Eiersbach“ als Bezeichnung eines Flurstücks im Besitz eines Seelacher Bauern 1934 (nach: Bernd Graf, Haus- und Flurnamen in der Gemeinde Seelach, in: Heimatpflege-Vereins-Schriftenreihe Band IV/1997 S. 215); wegen Stock- vgl. unten. Die gleiche Quelle enthält auch das „Holzgeräum im Mitwitzer Schrot“ als Zugehörung zum Ellmershof (der – samt Kapelle und weiterem Grundbesitz – in dem Verzeichnis von 1934 nicht unter Seelach, sondern unter Dennach geführt wurde); wegen Schrot vgl. oben.

Peunte (Flurstück im Bereich Rotschreuth)
Der vielerorts vorkommende Flurname verweist auf ein durch Umzäunung oder sonstige Einfriedung vom Gemeindegrund abgesondertes Grundstück. Zu den Ursprüngen des Begriffs heißt es bei Remigius Vollmann (Flurnamensammlung, München 1926): „Die Markgenossen hatten seit der ältesten Zeit das Recht, in der Allmend [= gemeinschaftlich genutztes Land] kleinere Stücke zu roden, zu umhegen und zu nutzen.“
Der Rotschreuther Flurstückname Peunte entstammt einem Lehenbuch der Herrschaft Mitwitz aus der Zeit um 1630. Noch heute ist im Südosten der Gemarkung Rotschreuth der Flurname Peuntleite zu finden.

Rödern
= durch Rodungen urbar gemachtes (und besiedeltes) Land.
Älteste urkundliche Nennung der Einöde durch die Herrschaft von Redwitz zu Theisenort (1519): in Rodernn.

Rotschreuth
Reuten = Roden = Fällen der Bäume und Herausnehmen der Wurzelstöcke.
Gereut, Reut(h), Reute = Rodung = durch Ausstocken der Bäume gewonnener Platz.
Reut bezeichnet im Urwald gerodete Stellen, meist mit dem Namen dessen verbunden, der hier gerodet hat (Rotschreuth [aus Ratzreut] als Rodung des Rato, Razo o. ä.). Nur gemeinschaftlich gerodete oder früher vom ursprünglich Rodenden wieder verlassene Rodungen tragen kaum Zusatzbezeichnungen.
Bei Ratzreut fungieren -reut als Grundwort und Ratz- als Bestimmungswort.
Siedlungsnamen mit dem (auf althochdeutsch riuti zurückzuführenden) Grundwort -reut(h) werden allgemein in die Kategorie der zwischen dem 9. und dem 12. Jahrhundert entstandenen deutschen Rodungsnamen eingeordnet (dazu: Stefan Hackl, Die Ortsnamenforschung […], in: Forum Heimatforschung, Heft 12, München 2007, Bayerischer Landesverein für Heimatpflege).
Vgl. z. B. auch: Neureuth als Name eines Ackergrundstücks an der Sommerleite bei Breitenloh laut Concurrenzrolle der Steuergemeinde Gehülz von 1881 (nach: W. Munzert, Flurnamen […], Gehülz 1995). Neureuth kann sich sowohl auf die erstmalige als auch auf die erneute Rodung einer Fläche beziehen.
Vgl. z. B. auch: Hofreuth: Laut einem Grund- und Steuerbuch der redwitzischen Herrschaft von 1734 gehörten zu der Fronsölde in Ziegelerden (= ortsältestes Anwesen mit dem 1973 abgebrochenen Haus Ziegelerden 1) Haus und Stadel, Nebenhäuslein, Backofen, Hofreuth, Äcker und Wiesen sowie die örtliche Ziegelhütte (nach: W. Munzert, Häuser- und Hausbesitzerchronik von Ziegelerden und Kuhberg bis 1856, Gehülz 1993). Als Hofreuth (vgl. allgemein auch Hofreite) wurde ursprünglich ein für einen Hof ausgereuteter Platz bezeichnet.
Auch die Namen bzw. Namensbestandteile Roth und Rott können hinweisen auf eine Rodung bzw. auf ein Stück Land, das durch Rodung für die landwirtschaftliche Nutzung gewonnen wurde. Beispiel: Neues Rott = Rotschreuther Flurstückname um 1630 (dazu allgemein auch: Tobias Lochner, Die Mikrotoponyme der Gemarkung Eckardts [Landkreis Schmalkalden-Meiningen], Jena 2005). 

Stöckig (Flur im Bereich Seelach)
= Rodungsfläche, wo die Baumstümpfe (Stöcke) beim Roden stehen blieben und dem Vermodern überlassen wurden.
Vgl. z. B. auch: Stöckigacker (= historischer Flurstückname im Bereich Entmannsdorf/Judengraben); Stockacker (= historischer Flurstückname im Bereich Rotschreuth); Stockwiesen (= historischer Flurstückname im Bereich Kuhberg). Vgl. auch oben: Stockgeräum am Eiersbach.

Weidschlag
Schlag = Hiebabteilung im Wald = Waldstück, aus dem der Reihe nach das ältere Holz herausgeschlagen wird bzw. wurde (nicht Rodung, sondern Nutzung des Waldes).
Weidschlag (mundartlich Weidschlouch) hieß das Gelände der Egloffsteinschen Forstverwaltung im Südwesten der Brander Ebene, auf dem 1947 der Fußballplatz des FC Gehülz angelegt wurde; dazu wurde der dortige Hochwald gefällt (bezeugt 2010 durch das 80-jährige Heimatpflege-Vereins-Gründungsmitglied Erwin Rauh, Ellmershausstraße). Übrigens wurde der vom FC zunächst angepachtete und 1982 gekaufte Fußballplatz 1994 von der Theisenorter in die Gehülzer Gemarkung umgegliedert.
Im Falle des Gehülzer Weidschlags steht das Wort Weide wohl nicht für die Gattung von Bäumen und Sträuchern, sondern wohl eher für eine als Weide für das (Klein-)Vieh genutzte Flur (Waldweide). Bemerkenswerterweise kann auch das Wort Schlag im Sinne von Viehweide (Vieh [aus-]schlagen = austreiben, eine Weide mit Vieh beschlagen) verwendet worden sein, was in unserem konkreten Fall wohl nicht zutrifft.

Wustung
Eine Wustung ist ein durch Rodung urbar gemachtes Stück Land bzw. der darauf entstandene Einödhof oder (kleine) Weiler. Während der Begriff im Mitwitz-Rotheuler Wustungsgebiet bleibender Bestandteil zahlreicher Ortsnamen (Wustungsnamen) wurde, fand er für das Streusiedlungsgebiet Gehülz – Haßlacherberg nur zeitlich begrenzt (vor allem im 16. und 17. Jahrhundert) Verwendung. Beispielsweise war im 16. Jahrhundert die Rede von den „Wustungen umb Teyssenort und ufm Gehölz“. Einzelbezeichnungen waren z. B.:
(1422): Wustung zu Raczreut (= Rotschreuth);
(1565:) Wustung (im) Kessel (= Kestel);
(1565): Hainischburgische Wustung (= im Bereich Bürg/Wolfsberg);
(1565:) Wustung Kachelmanßberg und Wustung Khunberg (= Kuhberg);
(1565:) Wustung Tennich (= Dennach) und Wustung Graberßberg (=Stressenberg);
(1577:) Wustung Töpfergraben (= sehr wahrscheinlich die Einöde Seelabach, ab 1981 Tannenstraße 31);
(um 1790:) Barthelswustung (= nach 1830 Judengraben 50, ab 1981 Judengraben 35).
Von der Wustung zu unterscheiden ist die Wüstung, bei der es sich um eine aufgegebene Siedlung (Ortswüstung) oder um eine aufgegebene Wirtschaftsfläche (Flurwüstung) handelt.
Das von den Ländern Thüringen und Bayern in Auftrag gegebene Denkmalpflegerische Sondergutachten zu den Rotheuler und Mitwitzer Wustungen (Bamberg/Weimar 1994) nahm mehrmals Bezug auf die Heimatpflege-Vereins-Schriftenreihe und bestätigte ausdrücklich die darin (Band II/1991 S. 92) von Bernd Graf vorgenommene Deutung des Begriffs Wustung (vgl. oben), „der ab dem späten Mittelalter gehäuft im fränkisch-thüringischen Raum auftrat“. Thomas Gunzelmann vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege wertete das Mitwitz-Rotheuler Wustungsgebiet als „ein über die engere Region hinaus bedeutsames, hervorragendes Beispiel eines Streusiedlungsgebiets der Frühen Neuzeit“ (Schreiben vom 17. 3. 1995). Thematisiert wurden auch die Lage dieses wie auch des benachbarten Streusiedlungsgebiets Gehülz – Haßlacherberg im bzw. am Grenzsaum zwischen den ehemaligen fränkischen Gauen Radenzgau und Grabfeldgau sowie das Hineinstoßen kleinerer, auch als Rodungsträger tätiger (Adels-)Herrschaften in diesen Grenzsaum.

EXKURS
Welchen Ortsnamentypen sind die Namen der vier Altorte im zentralen Siedlungsbereich des Haßlacherbergs zuzuordnen, auf deren urkundlicher Erstnennung im 14. Jahrhundert die 1998 begangenen Gehülz/Seelacher Ortsjubiläen basierten?
Entmannsdorf (im Urbar von 1323/28 als Enczmanstorf): Grundwort -dorf = Bezugnahme auf die Siedlung als solche.
Seelach (im Urbar von 1323/28 als Selech): Bezugnahme auf die Siedlungsstelle (Bewuchs, vgl. ganz oben).
Dennach (im Urbar von 1323/28 als Dorneich): Bezugnahme auf die Siedlungsstelle (Bewuchs, vgl. ganz oben).
Rotschreuth (im Urbar von 1348 nachgetragen als Ratzreut): Grundwort -reut = Bezugnahme auf den Besiedlungsvorgang (Rodung).

-bg.-