Home » Archiv » „The J. Street Project“ zu den „Juden“-Orts- und Straßennamen 


„The J. Street Project“ zu den „Juden“-Orts- und Straßennamen

Zwischen 2002 und 2005 dokumentierte die international renommierte Künstlerin Susan Hiller die bundesdeutschen Orts- und Straßennamen mit dem Namensbestandteil „Jude(n)“. Im Rahmen ihres „J. Street Project“ entstanden ein Verzeichnis der betreffenden Orte mit einer Landkarte und – entsprechend der Zahl der von ihr erfassten „Juden“-Namen – über 300 Fotografien sowie ein umfangreiches Buch und eine 67-minütige Videoinstallation. Am 14. Oktober 2008 eröffnete Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert im Kunst-Raum im Deutschen Bundestag die dort bis 11. Januar 2009 dauernde Ausstellung der Hiller-Fotos. Auch der Gehülzer Flur-, Orts- und Straßenname Judengraben und der ehemalige Gehülzer Gemeindeteilname Judenhof sind in dieser Präsentation enthalten, ebenso die Kronacher und die Küpser Judengasse. Die Bilder zur Judengasse in Kronach sowie zum Judengraben und zum Judenhof in Kronach-Gehülz sind hier zu sehen.

Annäherung an deutsch-jüdische Vergangenheit
„The J. Street Project“ versteht sich als Erinnerungsarbeit, bei der mit Hilfe der Namendokumentation eine erneute Annäherung an die deutsch-jüdische Vergangenheit initiiert wird. „Die von der nichtjüdischen Umwelt erdachten Straßennamen“ legen nicht nur Zeugnis ab von der jahrhundertealten Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland, sondern auch „von der langen Geschichte der Ausgrenzung, Stigmatisierung und des Judenhasses“, schrieb Christian Buckard in der „Jüdischen Allgemeine“ vom 23. Oktober 2008. In einem Ausstellungsbegleittext aus der Feder des Kurators der Kunstsammlung des Deutschen Bundestags, Dr. Andreas Kaernbach, heißt es über die gezeigten Fotos: „Es sind beunruhigende Reisebilder, denn die damaligen Bewohner der ausgeschilderten Straßen und Orte sind verschwunden, weil sie Opfer unfassbarer Verbrechen wurden – von den Judenpogromen des Mittelalters bis zum Holocaust.“
Jörn Ebner stellte 2005 in der österreichischen Heftreihe für Gegenwartskunst, „Springerin“, dazu fest: „Die diversen Judengräben, -gassen und -höfe stellen keine unliebsamen Erinnerungen an Progrome, Transporte und Gaskammern heraus, sondern markieren bloß die Existenz einer ethnisch-religiösen Identifizierung von Menschen durch andere.“

Judengraben und Judenhof in Gehülz
Auf der Generalversammlung 2008 des Heimatpflege-Vereins Gehülz/Seelach/Ziegelerden erläuterte dessen Vorsitzender Bernd Graf im Zusammenhang mit dem Hiller-Projekt, dass nicht in jedem Fall der Namensbestandteil
„Jude(n)“ auf frühere jüdische Bewohner an der betreffenden Örtlichkeit hinweist. So gebe es beim Gehülzer Judengraben keinen Beleg für dortige jüdische Bewohner. Vielmehr spreche einiges dafür, dass ein dort bestehender Flurname mit der Besiedlung um 1500 zum Ortsnamen wurde.
Zu bedauern sei, so Graf, dass bei der Einführung von Straßennamen für Gehülz durch die Stadt Kronach (1981) der Name Judenhof nicht aufrechterhalten, sondern dem Untergang preisgegeben worden sei. Zum ausgestellten Projektfoto „Judenhof“, das die Flur im Bereich der ehemaligen Gehülzer Einöde zeigt, bemerkte Bundestags-Kurator Dr. Kaernbach in einer E-Mail vom 30. Oktober 2008 an Bernd Graf: „Der ‚Judenhof’ ist eine besonders schöne Arbeit, in der viel Melancholie steckt.“

Um noch einmal auf die Ausstellung im Kunst-Raum des Bundestags zurückzukommen: Wer Susan Hiller auf dieser Reise folgt, wird auf eine Dimension deutsch-jüdischer Geschichte hingewiesen, die bei den allgemeinen Gedenktagen selten eine Rolle spielt. Nach Ansicht von Andreas Kaernbach „nehmen diese Fotos uns mit auf eine Spurensuche quer durch Deutschland und mahnen den Betrachter, angesichts der Verletzlichkeit und latenten Bedrohung humaner Werte sich ihrer schützend anzunehmen“.

„J“ wie Jude – „Kunst der Befragung der Welt“
Susan Hiller wurde 1942 in Florida, USA, geboren. Seit den frühen 1970-er Jahren lebt sie in London und Berlin. In ihren Werken sammelt, erforscht und transformiert sie Gegenstände des Alltags, die mit speziellen Erinnerungen verbunden sind. Sie gewann zahlreiche Preise, ihre Arbeiten werden in aller Welt ausgestellt. Susan Hiller wurde zu den „faszinierendsten und einflussreichsten europäischen Künstlerinnen der Gegenwart“ gezählt. Laut Andreas Kaernbach ringt Susan Hiller in ihren Arbeiten mit „Geistern der Vergangenheit“, wendet sich dem Unerklärlichen zu, dem Halluzinatorischen oder Traumhaften. „Stets jedoch geht sie von Beobachtungen der Wirklichkeit aus und schafft aus deren Fragmenten ihre Kunst der Befragung der Welt“.
Im Interview mit Anna Wander („seen.by“) erklärte die Künstlerin, wie sie sich im Schilderwald der deutschen Geschichte zurechtfand. Die 303 beim „J. Street Project“ aufgesuchten Örtlichkeiten habe sie nur als Hilfsmittel benutzt, „die auf das eigentliche Thema hinweisen, das jedoch nie angemessen abgebildet oder beschrieben werden kann“. Sie habe den Eindruck gewonnen, sagte Susan Hiller, „dass diejenigen, die heute dort wohnen, normalerweise kein bisschen darüber nachdenken, was der Name ihrer Straße bedeutet“. Im Titel ihres Projektes verwendete Hiller nicht die Wörter Jew(s) oder Jewish, sondern den Buchstaben J – wie jenes „tödlich stigmatisierende“ J, das „den deutschen Juden von den Nazis in ihren Pass gestempelt wurde“ (Zitat: „seen.by“).   -bg.-

Kein Zusammenhang mit Pogromen u. ä.
Rainer Domke (Küps), der dem Aktionskreis Kronacher Synagoge angehört, stellte am 20. November 2008 zur obigen
„J.-Straßen-Thematik“ fest:
Wie so oft hält sich „Uraltes“ bis heute – siehe unsere Flurnamen, die ja bekanntlich die Welt des Mittelalters spiegeln. Die jüdischen Klein-Landgemeinden sind im Laufe des 19. Jahrhunderts durch den Wegzug in die Städte, wo sich Juden oft jahrhundertelang nicht hatten ansiedeln dürfen, nach der völligen Emanzipation / juristischen Gleichberechtigung eben auf „natürliche“ Weise verschwunden – siehe z. B. gerade Küps, Mitwitz im Landkreis Kronach oder „daneben“ Redwitz. Sehr viele Bezeichnungen mit „Juden-“ geben eben den Zustand vor 200 Jahren und viel weiter zurück wieder und haben „Gott sei Dank“ überhaupt nichts mit Pogromen u. ä. zu tun.

Veröffentlicht am 21.11.2008

Die beiden nachfolgenden Bilder zeigen Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert vor den ausgestellten Fotos deutscher Orte, Straßen und Plätze, die den Begriff „Jude“ im Namen führen, sowie gemeinsam mit der Künstlerin Susan Hiller, die ihm ihr „J. Street Project“ erläutert.
Fotos: Deutscher Bundestag